Nightseeing - Sightseeing: "The Berlin Guide" von Liebeskind Berlin


The Berlin Guide von Liebeskind - ein echtes Buch!

Er riecht, der Guide. Kräftig sogar. Nein, nicht wie eine neue Matratze, die du erstmal tagelang mit genauso penetrantem Raumspray einnebeln musst. Dieser Guide riecht roh, authentisch, industrial, vielleicht wie ein Tanztempel in den Roaring Twenties, vielleicht wie der bröckelnde Putz in einer der aufgelisteten Nicht-mehr-Pop-Up-Galerien. Kurzum: Der brandaktuelle "The Berlin Guide" von Liebeskind Berlin riecht nach echtem Buch!

Nach dem Comeback der Schallplatte also der neueste heiße Scheiß: gedruckte Seiten zum Blättern. Und, hey, es funktioniert. Das Cover: Top! Erinnert etwas an die Kate Moss-Foto-Ästhetik der 90er. Lässt einen erleichtert durchatmen: Nirgends ein Nerd-Brillen-Bartträger zu sehen. Schiebt hingegen den Fokus auf die lässig beiseite geschobene Absperrung rechts im Bild, die klar signalisiert: Nightlife und Restlife in Berlin ist immer noch ein Spiel ohne Grenzen.

Konsequenterweise ist der im Tablet-Format designte „Best-of-Ratgeber“ nach Uhrzeiten beziehungsweise Tagesphasen geordnet und startet folgerichtig um 22:30 Uhr. Nightlife. Oder der tägliche Neubeginn einer Zeitrechnung, die für den (meist zugezogenen) Berliner Szene-Hipster ewig dauert und getrost als sein „This Side of Paradise“ bezeichnet werden kann. „Breakfast“ gibt’s pünktlich um 15:00 Uhr; „Culture“ um 11:30 für diejenigen, die in der Nacht zuvor am Türsteher gescheitert sind. Die „Dinner“-Phase setzt der Guide allerdings etwas zu früh an - um 19:30 Uhr schwärmen eher Touristen & Familien in die Hauptstadt-Restaurants. Für den Berliner gilt: Frühestens 20:30 Uhr plus 30minütiger Verspätungsphase wegen ... S-Bahn-Ausfall, komplexen Terminvereinbarungen im Yoga-Studio, Pre-Dinner-Partying. Das Übliche halt.

Mit dem Berlin-Guide von Liebeskind startet man um 22:30 Uhr in den "Tag"

Die Guide-Tipps lesen sich locker weg, bieten on top informative Interviews mit lokalen Größen, sind nicht zu hipsterig, nicht zu ratgeberig und warten beim Farbenspiel der Fotos (Wechsel bunt/schwarz/weiß) mit einer durchaus cleveren, wenn auch nicht neuen, Design-/Layout-Mixtur auf.

Nur manchmal verliert sich der „The Berlin Guide“ von Liebeskind dann doch in diesen typischen Szene-Buzzwords und Szene-Klischees. Bestes Beispiel: der sogenannte Third Wave Kaffee. Auszug Seite 86: „Am Thema Kaffeekultur lässt sich der Wandel Berlins auch ziemlich gut ablesen. Früher gab es vielerorts schlechten deutschen Filterkaffee zum Mitnehmen. Im Pappbecher mit Plastikdeckel und zwecks mangelnder Alternativen öfters mal aus den Händen einer schnoddrigen Backwarenverkäuferin. Bald hat sich der perfekte Third Wave-Flat White aus dem Öko-Becher mit biologisch abbaubarer Schutzkappe aber flächendeckend durchgesetzt. Serviert wird er nun vielleicht von einem bärtigen, charmanten, jungen Mann, der möglicherweise aus Kanada kommt. Der reicht dir deinen Kaffee mit seinen tätowierten Unterarmen und einen Latte Art-Herz im Milchschaum.“

Also - ich hab diese Stelle mehrfach gelesen. Die Autorin meint das wirklich ernst. Bin mir deswegen nicht so sicher, ob beziehungsweise wie lange sie schon in Berlin lebt. Und vor allem, die immer entscheidende Frage ... wo, in welchem Kiez.

Denn ... 1. Wer „früher“ schlechten Filterkaffee in ollen Backstuben gekauft hat, sorry, der ist selbst schuld. In Berlin gibt es seit Ewigkeiten Top-Coffeshops mit exquisiten internationalen Kaffeesorten aus stählern blitzenden Cyborg-Vollautomaten. 2. Die erwähnte „Backwarenverkäuferin“ wird auch heute noch normalen Filterkaffee verkaufen; auch ist ihre Backstube nicht durch ein hippen Third-Wave-Café verdrängt worden. 3. Der Hype um den angeblich „coolen“ und besseren Filterkaffee junger Hipster-Brüher hat weder die alten Filterkaffee-Backstuben-Anbieter noch die fantastischen Espresso-Coffee-Bars verdrängt. Es gibt einfach zusätzliche Cafés on top, die ein zusätzliches, neues Produkt anbieten. Und 4. Ist es auch nicht besser, wenn der oben erwähnten Autorin statt den gefühlt immer gleich aussehenden Bäckereifachverkäuferinnen nun gefühlt immer gleich aussehende, kanadische Bartträger mit Tattops und Hochwasser-Jeans gegenüberstehen. 5. Ach, Third Wave. Für alle, die beim nächsten Buzzword-Bingo mitspielen wollen - hier die Definition der Seite Kaffee.org: "Ein echter „Third-Waver“ will nicht nur das Herkunftsland wissen, nein er möchte am liebsten die Pflanze mit Namen kennen. Oder zumindest die Farm und den Namen des hauptverantwortlichen Bauern. Transparenz nennt man das. Und Fairness. Denn wenn man eine persönliche Beziehung zu dem Produkt hat, ist man bereit auch mehr Geld dafür zu bezahlen." Alles klar?

Fazit: Insgesamt ein knallig-frischer Guide, der einem Berlin näher bringt, peppige Infos bietet, selbst beim Blättern Spaß macht und der natürlich so manches Klischee seitens der Autoren/Innen bestätigt. Die Auswahl der Lokalitäten ist wie bei jedem Guide und jeder Top-Liste rein subjektiv und kann daher nicht bewertet werden. Auf jeden Fall ist "The Berlin Guide" von Liebeskind Berlin ein perfekter Kick in den Hintern, um Berlin zu entdecken, das Abenteuer Hauptstadtdschungel zu einer adrenalingeschwängerten Erlebniswelt werden zu lassen - und die möblierte AirBnb-Butze für die aufgelisteten Tagesphasen zu vergessen.

Zu bestellen unter anderem über: www.liebeskind-berlin.com

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